Biographie
Westside-Syndicate.ch
Eines Abends befand ich mich in der berüchtigten Kanonengasse von Zürich. Die Temperaturen liessen einmal mehr zu wünschen übrig. Ich wartete vor dem Latino Palace auf einen jungen Mann, den ich interviewen sollte. Als ich auf meine Uhr blickte, war es bereits dunkel, so kurz vor neun. Die letzen Züge an meiner durchnässten Zigarette schmeckten mir nicht mehr besonders und ich entschied mich, diese auf dem sonst schon so verschmierten Asphalt auszutreten. Dann schaute ich über meine linke Schulter, Passanten gingen an mir vorbei. Einer jedoch, der ebenfalls auf mich zukam, fiel mir sofort ins Auge. Ein junger Mann, gross, kräftig gebaut. Der Schatten in seinem Gesicht machte mir sofort klar, die Mine war ernst. Er stach aus der Menge heraus. Er war es, an dem die Blicke hängen blieben und ich wusste sofort, er musste es sein. Genesiss. Dieser Mr. Grand. Ein heftiger Windstoss fegte durch die Strasse als er mir die Hand reichte. Der Händedruck war bemerkenswert. Der kurze Blick in die Augen: "Hey alte, alles klar?" Seine Stimme hatte etwas vertrautes, andererseits klang sie farblos und eiskalt. Wir gingen ein Stück die Strasse runter. Genesiss immer einen Schritt voraus. Wenn ich alleine unterwegs war, wich ich meistens den entgegenkommenden Leuten aus. Doch jetzt war es umgekehrt, was nicht an mir lag, sondern eher an der krassen Präsenz dieses Typen. In einem dreckigen Mini-Lokal setzten wir uns dann endlich und ich gab die Hoffnung, mich hier aufwärmen zu können ziemlich schnell wieder auf. Ein zweiter Blick in seine Augen: "Was luegsch so, isch halt Züri." Der Satz verflog sofort, da mir diese Augen, in dieser ewig scheinenden Sekunde, eine Geschichte erzählten... Die Geschichte eines Jungen, der mit fünfzehn schon die Lebenserfahrung hatte, welche manch andere mit fünfundzwanzig noch nicht erlangen. Den Werdegang eines Kämpfers der viele Tiefpunkte durchlebte und trotz all dem nie aufhörte an sich zu glauben. "1989, am 23. März.", erwiderte Genesiss auf die Frage nach seinem Geburtsdatum, an dem er in der Schweiz geboren und von der Mutter alleine grossgezogen wurde. Mit vierzehn zog Genesiss in die serbische Republik. Es war keine einfache Zeit. "Det han ich glernt, was läbe bedüted. Det spürsch erscht richtig, dass d'läbsch", er blickte durch das dreckige Fenster und spitzte die Lippen. "Krassi Ziit, aber so was macht unverwundbar." Er blickte zu den falschen Leuten auf, die all das zu sein schienen, was er sein wollte. Nach zwei Jahren kehrte Genesiss wieder in die Schweiz zurück, in die ihm so vertraute Gegend; Zürich West. Eine Mutter, die ihren Sohn kaum wieder erkannte, aber Hauptsache ein Dach über dem Kopf und täglich etwas warmes zu essen. Dies erwartete Genesiss in seiner Heimat. "Gsehsch wie raffiniert de Typ det sini Chügeli verteilt? So laufts. Oder die Nutte det, isch wohl scho chli länger da.", genau solche alltäglichen Dinge beschreibt Genesiss in seinen Liedern. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass er wirklich alles sieht. Nichts entging ihm. Auch wenn man ihm das gar nicht anmerkte. Er trank einen Schluck von seinem Wasser und schaute mich dann an: "Ich zeig halt nur das, wo vieli drüber weg lueged. Alte, s'isch mer egal, wer was dänkt, oder meint zwüsse. Das da isch mini Wält, dur mini Auge und das bringt niemerd us mir use." Wieder auf der Strasse zurück wollte ich etwas über das Début-Album erfahren. Jedoch konnte ich nicht viel mehr als „Individuum“ und „2. April 2010“ notieren. Er schien das Album Release ziemlich locker zu sehen, denn er wusste, es war das Beste, was er bis jetzt geschrieben und komponiert hatte. "Ziehsch ders ine wänns dusse isch. Dänn häsch alli dini Antworte." Ich hatte noch einige Fragen, die ich zu seinem Label „Westside Syndicate“ beantwortet haben wollte, doch wir wurden unerwartet unterbrochen. "Wart churz.", waren seine vorerst letzten Worte. Es war unmöglich zu verstehen, was Genesiss da mit den Typen besprach, doch mir schien es als kenne man sich schon etwas länger. Auf jeden Fall wurden ernste Blicke gewechselt. Ich zündete mir noch eine Zigarette an, während das Gespräch andauerte. Zurück bei mir: "Hey Men ich verschwinde, han absolut kei Ziit meh. Muess a minere neue Single schaffe." Mit diesen Worten verabschiedete sich Genesiss. Ich blieb noch eine Weile stehen, um den bleibenden Eindruck dieser Gegend zu verarbeiten, obwohl ich genau wusste, dass ich hier ganz bestimmt nicht hingehörte.